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Weihnachtsgeschichte
Geschichte von Karl Heinrich Waggerl, erschienen in der Zeitschrift
'Wegbegleiter' Nr. 4/2006, S. 27-29.
Der störrische Esel
und die süsse Distel der Heil'gen Nacht
Von Karl Heinrich Waggerl
Als der heilige Josef im Traum erfuhr, dass er mit seiner Familie vor
der Bosheit des Herodes fliehen müsse, weckte der Engel in dieser bösen Stunde
auch den Esel im Stall.
„Steh auf!“ sagte er von oben herab, „du darfst die Jungfrau Maria mit dem Herrn
nach Ägypten tragen.“
Dem Esel gefiel das gar nicht. Er war kein sehr frommer Esel, sondern eher ein
wenig störrisch von Gemüt. „Kannst du das nicht selber besorgen?“ fragte er
verdross. „Du hast doch Flügel, und ich muss alles auf dem Buckel schleppen!
Warum denn gleich nach Ägypten, so himmelweit!“
„Sicher ist sicher!“ sagte der Engel; und das war einer von den Sprüchen, die
selbst einem Esel einleuchten müssen.
Als er nun aus dem Stall trottete und zu sehen bekam, welch eine Fracht der
heilige Josef für ihn zusammengetragen hatte, das Bettzeug für die Wöchnerin und
einen Pack Windeln für das Kind, das Kistchen mit dem Gold der Könige und zwei
Säcke mit Weihrauch und Myrrhe, einen Laib Käse und eine Stange Rauchfleisch von
den Hirten, den Wasserschlauch, und schliesslich Maria selbst mit dem Knaben,
auch beide wohlgenährt, da fing er gleich wieder an, vor sich hinzumaulen. Es
verstand ihn ja niemand ausser dem Jesuskind.
„Immer dasselbe“, sagte er, „bei solchen Bettelleuten! Mit nichts sind sie
hergekommen, und schon haben sie eine Fuhre für zwei Paar Ochsen beisammen. Ich
bin doch kein Heuwagen“, sagte der Esel, und so sah er auch wirklich aus, als
ihn Joseph am Halfter nahm; es waren kaum noch die Hufe zu sehen.
Der Esel wölbte den Rücken, um die Last zurechtzuschieben, und dann wagte er
einen Schritt, vorsichtig, weil er dachte, dass der Turm über ihm
zusammenbrechen müsse, sobald er einen Fuss voransetze. Aber seltsam, plötzlich
fühlte er sich wunderbar leicht auf den Beinen, als ob er selber getragen würde;
er tänzelte geradezu über Stock und Stein in der Finsternis.
Nicht lange, und es ärgerte ihn auch das wieder. „Will man mir einen Spott
antun?“ brummte er. „Bin ich etwa nicht der einzige Esel in Bethlehem, der vier
Gerstensäcke auf einmal tragen kann?“
In seinem Zorn stemmte er plötzlich die Beine in den Sand und ging keinen
Schritt mehr von der Stelle.
Wenn er mich auch noch schlägt, dachte der Esel erbittert, dann hat er seinen
ganzen Kram im Graben liegen!
Allein Joseph schlug ihn nicht. Er griff unter das Bettzeug und suchte nach den
Ohren des Esels, um ihn dazwischen zu kraulen. „Lauf noch ein wenig“, sagte der
heilige Joseph sanft, „wir rasten bald!“
Daraufhin seufzte der Esel und setzte sich wieder in Trab. So einer ist nun ein
grosser Heiliger, dachte er, und weiss nicht einmal, wie man einen Esel
antreibt!
Mittlerweile war es Tag geworden, und die Sonne brannte heiss. Joseph fand ein
Gesträuch, das dünn und dornig in der Wüste stand; in seinem dürftigen Schatten
wollte er Maria ruhen lassen. Er lud ab und schlug Feuer, um eine Suppe zu
kochen; der Esel sah es voll Misstrauen. Er wartete auf sein eigenes Futter,
aber nur, damit er es verschmähen konnte. „Eher fresse ich meinen Schwanz“,
murmelte er, „als euer staubiges Heu!“
Es gab jedoch gar kein Heu, nicht einmal ein Maul voll Stroh; der heilige
Joseph, in seiner Sorge um Weib und Kind, hatte es rein vergessen. Sofort fiel
den Esel ein unbändiger Hunger an. Er liess seine Eingeweide so laut knurren,
dass Joseph entsetzt um sich blickte, weil er meinte, ein Löwe sässe im Busch.
Inzwischen war auch die Suppe gar geworden, und alle assen davon. Maria ass, und
Joseph löffelte den Rest hinterher, und auch das Kind trank an der Brust seiner
Mutter; nur der Esel stand da und hatte kein einziges Hälmchen zu kauen, Es
wuchs da überhaupt nichts, nur etliche Disteln im Geröll. „Gnädiger Herr!“ sagte
der Esel erbost und richtete eine lange Rede an das Jesuskind; eine Eselsrede
zwar, aber ausgekocht scharfsinnig und ungemein deutlich in allem, worüber die
leidende Kreatur vor Gott zu klagen hat. „I-a!“ schrie er am Schluss, das heisst:
„So wahr ich ein Esel bin!“
Das Kind hörte alles aufmerksam an. Als der Esel fertig war, beugte er sich
herab und brach einen Distelstängel; den bot es ihm an.
„Gut!“ sagte er, bis ins Innerste beleidigt. „So fresse ich eben eine Distel!
Aber in deiner Weisheit wirst du voraussehen, was dann geschieht. Die Stacheln
werden mir den Bauch zerstechen, sodass ich sterben muss, und dann seht zu, wie
ihr nach Ägypten kommt!“
Wütend biss er in das harte Kraut, und sogleich blieb ihm das Maul offen stehen;
denn die Distel schmeckte durchaus nicht, wie er es erwartet hatte, sondern nach
süssestem Honigklee, nach würzigstem Gemüse. Niemand kann sich etwas derart
Köstliches vorstellen, er wäre denn ein Esel.
Für diesmal vergass der Graue seinen ganzen Groll. Er legte seine langen Ohren
andächtig über sich zusammen, was bei einem Esel soviel bedeutet, wie wenn
unsereins die Hände faltet.
Karl Heinrich Waggerl (1897-1973), österreichischer Erzähler
genaue Herkunft der Geschichte unbekannt
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